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Aktuelles/Archiv

Gedankliche Impulse zum Thema Mitteleuropäische und insbesondere deutsche Musiktradition als immaterielles Weltkulturerbe

Der Deutsche Tonkünstlerverbandes möchte den Antrag stellen, die Kunstmusik des deutchsprachigen Raumes zum immatriellen Weltkulturerbe zu erklären.  Dazu wurde ich gebeten, Ideen zu entwickeln. Diese Gedanken möchte ich gerne auch an dieser Stelle veröffentlichen: 

"Immer dann, wenn ein kulturelles Erbe mit Strahlkraft von globaler Bedeutung zu verschwinden droht, wenn die aktuelle Wirklichkeit ohne dieses Erbe nicht möglich und erklärbar wäre, rufen wir nach seinem Erhalt, wollen wir es für die Nachwelt bewahren. Dieses ist der Grundgedanke, wenn wir Errungenschaften der Menschheit zum Weltkulturerbe erklären.

Deshalb halte ich es für richtig und notwendig, auch die im mitteleuropäischen Raum, vor allem auch im deutschsprachigen Kulturkreis, entstandene Kunstmusik zu einem solchen zu erklären.

Ihre zentrale kreative Bedeutung geht seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts allmählich verloren und auch in diesem Kunstbereich schreitet die Globalisierung stetig voran. Ein einziges zusammenhängendes kreatives Zentrum ist nicht mehr erkennbar und Europa und damit auch der deutsche Kulturraum ist nur noch ein musikalisch-kultureller „Standort“ von vielen.

Den ungenauen und unbefriedigenden Begriff „E-Musik“ möchte ich im Folgenden lieber vermeiden.

Zu sprechen ist an dieser Stelle vom musikalischen Kunstwerk, von einem Künstler erdacht, geplant und ausgeführt; fixiert und festgehalten mit einer extra dafür entwickelten Schriftform, der Notenschrift. Diese Notenschrift macht es möglich, das Werk zu lesen, es wiederzugeben, es zu interpretieren. So, wie wir es auch aus der Literatur gewohnt sind.

Die Notenschrift ist bis heute und in der Regel die Voraussetzung für jedes dauerhaft bestehende musikalische Kunstwerk.

Aus den im 9. Jahrhundert in europäischen Klöstern entstandenen Neumen entwickelte, nach der Überlieferung, Guido von Arezzo zu Beginn des 11. Jhd die Anfänge unserer heutigen Notenschrift. Sie entwickelte sich seitdem kontinuierlich weiter und diese Entwicklung ist bis heute nicht abgeschlossen. Wie eine lebendige Sprache den immer neuen Anforderungen sich anpassend.

Ausgangspunkt dieser musikalischen Schriftsprache ist das nördliche Italien, der Alpenraum und das südliche Deutschland. Von hier aus trat sie ihren „Siegeszug“ in die ganze Welt an und ist bis heute eine von allen ausgebildeten Musizierenden verstandene Sprache.

Die Notenschrift ist schon für sich allein ein Weltkulturerbe.

Auf den Notendruck, der erst sehr viel später möglich und Realität wird, sei trotzdem schon an dieser Stelle hingewiesen. In Mainz gab Gutenberg mit seinem Buchdruck sicherlich das Vorbild für Petrucci in Venedig, der den Notendruck mit beweglichen Metalltypen erfand. Auch diese Erfindungen stammen aus dem Kulturkreis, den wir betrachten, und haben im Bezug auf die Verbreitung von Kunst und Kultur, von Musik und Literatur epochale Bedeutung.

War die Notenschrift der erste Meilenstein einer notwendigen Entwicklung zum musikalischen Kunstwerk, geht es nun „Schlag auf Schlag“, denn musikalische Ideen sind „notierbar“ geworden.

Aus dem Gregorianischen Gesang entsteht die erste Mehrstimmigkeit, das Organum, und über die ersten bekannten Meister wie Leonin und Perotin geht der Weg zur Notre- Dame- Schule.

Schon werden die ersten Abgrenzungen des Raumes sichtbar, in dem sich unsere Musik entwickelt. Norditalien ist der Ort, wo die Notenschrift entsteht, Rom und die römische Kirche der Ort, wo Papst Gregor der Musik eine Bedeutung zumisst, die sie über Jahrhunderte befördern wird, und in Paris sehen wir mit Notre- Dame die Quelle der Mehrstimmigkeit.

Diese Mehrstimmigkeit wird nun zunächst in der Franco- flämischen Schule zu einer ersten Blüte gebracht, die ihre Fortsetzung, wieder in Rom, wieder im christlich-kirchlichen Kontext, in der Römischen Schule hin zum Palestrina- Stil findet. Einem weiteren Höhepunkt der kontrapunktischen Musik und eine weitere Begrenzung unseres musikalischen Raumes sehen wir nun in Nordfrankreich, Belgien und den Niederlanden.

Kontrapunkt, die Kunst der Mehrstimmigkeit, der zweite Bestandteil unseres Weltkulturerbes.

Nicht zuletzt Jan Pieterszoon Sweelinck war Vermittler dieser Franco- flämischen Musik in den norddeutschen Raum, wo sich die Norddeutsche Orgelschule bildet mit ihrer überragenden Bedeutung im Hinblick auf die instrumentale Musik, insbesondere die Orgel-, Clavier- und Lautenmusik sowie- auch die kirchliche Chor- und Orchestermusik. Gleichzeitig entwickelt sich im höfischen Leben ein erster Höhepunkt der Orchester- und Instrumentalmusik für alle gebräuchlichen Instrumente. Hier haben wir auch die nördliche Begrenzung unseres „musikalischen Raumes“.

Vor allem einer steht für diese nördliche Begrenzung: Dieterich Buxtehude, in Helsingborg in Dänemark geboren und in Lübeck gestorben.

Möglich wird der immer größer werdende Reichtum an musikalischer Vielfalt vor allem auch durch die Idee der „temperierten“, der durch den Menschen manipulierten Töne. Der Mensch arbeitet mit der von der Natur vorgegebenen Grundlage der Musik, der Obertonreihe. Definieren wir Kreativität als „Biegen, Brechen und neu Verknüpfen“ der realen Welt, so haben wir hier ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie der Mensch die Realität, die Natur, biegt. Der Mensch „verbiegt“ die Töne, um sie für seine Kunst „nutzbarer“ zu machen. Als Wegbereiter ist hier vor allem Andreas Werckmeister zu nennen, in Benneckenstein geboren und in Halberstadt gestorben. Er schafft die Grundlage für alle späteren Kompositionen, welche mit häufigen Tonartwechseln und Modulationen arbeiten. Er schafft die Grundlage für die Kompositionen von Johann Sebastian Bach.

Die „temperierte Stimmung“ ist die dritte Voraussetzung für das Weltkulturerbe der mitteleuropäisch/deutschen Musiktradition

Johann Sebastian Bach wird bei näherer Betrachtung das Ziel und Zentrum aller bisherigen Erörterungen. Denke ich an Bach, fällt mir der Vergleich mit einer Supernova ein.

Die musikalische Sonne hat sich ausgedehnt von Rom bis an die dänische Grenze, von Paris bis vielleicht nach Krakau oder Königsberg im Osten. Nun implodiert der gewaltige Stern und schrumpft auf einen einzigen kleinen Punkt zusammen, einen Punkt von unvergleichlicher kreativer Dichte, von dem die gesamte kommende Entwicklung ihren Ausgang nehmen wird: Johann Sebastian Bach.

Was macht nun Bach zu einer singulären Gestalt der Musikgeschichte? Eine Frage, die ich noch nicht wirklich erschöpfend beantwortet bekam. Nachdem ich die KI befragte, kam folgende Antwort, ich zitiere: „Johann Sebastian Bach komponierte seine Musik sehr sorgfältig und ,durchdacht´, mit einer selbständigen Führung aller Stimmen (auch wenn Gesang und Instrumente zusammenkamen). Dabei brachte er Harmonik und Kontrapunkt in ein ausgewogenes Verhältnis, sodass verschiedene musikalische Strukturen gleichzeitig gut funktionieren.“

Ich muss sagen, so gut habe ich es bisher selten erklärt bekommen.

Den deutschsprachigen Kulturraum habe ich bereits als eine Art Schmelztiegel der musikalischen Entwicklung beschrieben. Bei Bach versuche ich es jetzt noch, obwohl die „Supernova“ kaum noch zu steigern ist, mit dem Begriff „Fusionsreaktor“. In ihm fusioniert das gesamte bis dahin bekannte musikalische Wissen. Die Kunst des Kontrapunktes hat er bis zur Selbstverständlichkeit verinnerlicht. Er muss nicht mehr nachdenken, die Noten fließen einfach in geordneter Form aus ihm heraus, so, wie wir beim Sprechen Sätze bilden.

Drei ganz wichtige Gedanken fehlen mir allerdings noch immer, denn Bach kann mehr.

Zum einen nutzt er, instinktiv die Möglichkeiten der temperierten Tonsysteme begreifend, sofort wie selbstverständlich die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Modulationen, von denen andere Komponisten seiner Zeit noch nicht einmal träumen können, schüttelt er, als wäre es das Normalste in der Welt, aus dem Ärmel. Zum anderen nimmt er Einfluss auf die gesamte Musik nach ihm. Die späteren Komponisten studieren sein Vorgehen und entwickeln es weiter. Die Liste seiner Schüler reicht so über W. A. Mozart, Beethoven und Brahms bis zu Max Reger, vielleicht Arnold Schönberg und ganz bestimmt bis Schostakowitsch, der auf der Grundlage von Bach seine 24 Präludien und Fugen op. 87 komponiert. Wäre Ligetis „Micropolyphonie“ ohne Bach denkbar?

Schwer vorstellbar!

Aus dem „Fusionsreaktor“ Bach fließt eine schöpferische Energie bis in das 20. Jahrhundert hinein. Einzelne Klänge aus seinen Werken, vielleicht nur aus der Wegkreuzung einzelner Stimmen entstehend, nehmen die Ergebnisse von „Klangmalern“ wie Debussy und Skriabin vorweg. Vielleicht hat Bach diese Klänge schon „vorgehört“ und ihm fehlten nur die Worte, um sie zu benennen.

Zum Dritten vermisse ich noch einen weiteren Aspekt zum Thema Bach, den die KI vollständig „vergessen“ hat. Bei aller Gelehrtheit, aus der seine Werke wachsen, bei aller Konstruktion, die ihnen zugrunde liegt, vermag er uns zusätzlich in der Seele zu treffen. Er kann unsere Emotionen anrühren, uns im Innersten treffen, zum Weinen bringen und heitere Freude auslösen.

Das alles ist einzigartig und großartig und Bach ist damit der vierte Baustein des Weltkulturerbes, von dem die ganze Zeit die Rede ist.

Wer aufmerksam mitgelesen hat, bemerkt vielleicht, dass es, je weiter wir in den Betrachtungen fortfahren, immer „deutscher“ wird. Und: Deutscher als Bach geht es eigentlich nicht mehr!

So kann ich dann jetzt am Schluss auch ganz in unserem deutschsprachigen Kulturkreis bleiben.

Sprichwörtlich ist die Vielfalt der deutsch/österreichischen Orchesterlandschaft.

Das musikalische Ausbildungswesen, von Privatmusiklehrer/innen bis zu den Musikschulen, Konservatorien und seit Ende des zweiten Weltkrieges der Musikhochschulen ,ist sehr gut bis hervorragend. Sowohl in seiner Quantität als auch in seiner Qualität. Tausende von Musikstudierenden aus der ganzen Welt, die hier „den letzten Schliff“ suchen, sind auch dafür ein Beleg.

Die Musikwissenschaft hat hier einen Stellenwert, der anderen Wissenschaft gleichwertig ist.

Ob Herman von Helmholtz mit seinen Forschungen zur „Klangfarbe durch Obertöne“ oder seiner „Resonanztheorie des Hörens“ oder die Musiker und Musiktheoretiker Arnold Schönberg (Harmonielehre), Paul Hindemith (Unterweisung im Tonsatz), Heinrich Schenker (Harmonielehre, Kontrapunkt, Der freie Satz), Felix-Eberhard von Cube (Lehrbuch der musikalischen Kunstgesetze) gefolgt von Hermann Grabner, Diether de la Motte, Thomas Krämer. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Der hohe Stellenwert der Musik zeigt sich auch in der Vielzahl der Laienchöre und -orchester.

Diese außergewöhnliche musikalische Infrastruktur zu erhalten erfordert allerdings Wertschätzung aus der Gesamtbevölkerung und aus der Politik. Diese Wertschätzung scheint sich in den letzten Jahren allerdings eher zu verringern und ein musikalischer „Kulturverfall“ ist nicht mehr undenkbar.

Ein neues kulturelles Selbstbewusstsein und daraus folgende Wertschätzung in Bezug auf die eigene Musikkultur und ein Bewusstsein für den Reichtum der eigenen Musikgeschichte kann durch die Erhebung zum Weltkulturerbe befördert werden. Sie ist auch notwendig, um dieses „Gütesiegel“ zu erhalten. Hierfür werden auch finanzielle Anstrengungen notwendig sein. Im Dienste der Kultur, der Musik und des Menschen. Dieses sind im Wesentlichen und eigentlich die Gründe für die vorausgehenden Überlegungen.

Das Ziel ist nicht, der Welt zu zeigen, wie „großartig“ wir Europäer und Deutschen sind, sondern uns selbst vor Augen zu führen, welch reiches Erbe es zu erhalten gilt."


 

Was der Gitarrenlehrer in den Ferien so macht...

Was andere Musik- oder Gitarrenlehrer/innen in den Sommerferien machen, weiß ich natürlich nicht genau, denn jeder ist anders, jede „macht ihr Ding“ und wir alle sind freie Menschen.

Für mich steht in dieser Zeit die Familie deutlich mehr im Zentrum als in der „Arbeitszeit“.

Mit meiner lieben Frau, meiner Tochter und deren Freund freue ich mich noch auf einen gemeinsamen Familienurlaub. Zur Zeit bin ich allerdings alleine und ohne „Kernfamilie“ in meiner alten Heimat Hamburg, sitze gemütlich auf der Terrasse meiner Schwester am Bramfelder See, direkt am Olsdorfer Friedhof, dem größten Parkfriedhof der Welt, im Norden dieser herrlichen Stadt und schreibe diesen Text für meine Website, denn irgendetwas Neues muss dort schließlich zu lesen sein.

Bei meiner anderen Schwester und meinem Schwager im Süden dieser herrlichen Stadt, ach, das sagte ich ja schon, war ich bereits zu Gast und an der Geburtstagsfeier meines Neffen mit großem Familientreffen in Bad Bramstedt nahm ich teil. Gestern kam ich spät am Abend hier an, nachdem ich den Tag mit einer Freundin und ehemaligen Kommilitonin aus meiner Hamburger Studienzeit verbrachte. Wir studierten gemeinsam am Hamburger Konservatorium in Blankenese.

Gespräche, Unterhaltungen, Kommunikation, ein wichtiger Teil meiner Beschäftigung in den Ferien.

Zuhause wartet schon der lange vernachlässigte Garten auf mich. Die Sträucher lassen traurig ihre Blätter hängen, weil der Regen knapp und wohl auch weil ich nicht da war. Die Wiese ächzt mit letzter Kraft um Hilfe und das Unkraut, ich bitte um Entschuldigung, das Beikraut triumphiert.

Auch dieses Kraut hat ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und widersetzt sich daher mit aller Kraft meiner Vorstellung von einem gepflegten Garten. Hier wird es für mich noch viel Gelegenheit geben, Überzeugungsarbeit zu leisten.

Neben diesen Prioritäten in dieser wichtigen Zeit steht aber auch jetzt, mindestens gleichberechtigt, die Musik im Mittelpunkt meines Denkens und Tuns. Da ich aus der Not heraus ohne Gitarre unterwegs bin, und mir geht es gar nicht gut dabei, muss ich mich zur Zeit auf das Denken beschränken und lasse dieses in Texte fließen, die in Zukunft auf meiner Homepage das Licht des WWWeb erblicken werden. Vor meiner Abfahrt stand das praktische Musizieren und Üben im Mittelpunkt meiner Ferienbeschäftigung. Ich war wirklich sehr fleißig. Vier Übeeinheiten, die sich jeweils mindestens über die Dauer von 60 Minuten erstrecken, standen auf meinem Tagesplan.

Seit einiger Zeit steht immer eine der drei schon einstudierten Lautensuiten von J.S. Bach oder „Präludium, Fuge und Allegro“, BWV998 am Anfang meines Übetages. Von dem berühmten Pianisten András Schiff las ich, dass er seinen Tag stets mit der Musik von Bach beginnt. Ich fand das eine sehr gute Idee und tue es ihm seit einiger Zeit nach. Von dem Cellisten Pablo Casals wird übrigens Ähnliches erzählt.

Mit der Musik von Bach wird das musikalische Gehirn wie mit einem Schleifstein geschärft, wie der Bleistift mit einem Anspitzer gespitzt. Hat man seine Musik mit Bewusstsein gespielt, läuft der musikalische Verstand auf Hochtouren. Jede andere Musik wird nun mit geschärften Augen gesehen, schneller aufgefasst und im Gedächtnis verankert. Bach Spielen ist eine intensive Schulung des gesamten musikalischen Verstandes, für jedes weitere Musizieren von grundlegendem Nutzen. Da die musikalische Vielfalt dieser Musik auch eine enorme Vielfalt an instrumentaltechnischen Anforderungen hat, bekommen auch die Finger ihren Anteil ab. Die Technik läuft auf einmal „wie geschmiert“, ohne dass man Tonleitern und Arpeggien geübt hätte. Ein erstaunlicher Effekt.

Diese werden trotzdem in einer zweiten Übeeinheit trainiert, die nach strengem Reglement erfolgt und genau eine Stunde andauert.

In der dritten Übephase steht Literaturstudium für den künftigen Unterricht im Vordergrund.

Zur Zeit die Etüden Nr. 16 und 17 von Leo Brouwer, „Julia Florida“ von Augustin Barrios und das Präludium Nr. 5 von Villa-Lobos.

Die letzte Übeeinheit wird dann von einem weiteren Bachwerk gefüllt, denn an dieser Musik kann man immer etwas lernen und ihr Vortrag kann immer verbessert werden.

Wenn auch Sie etwas lernen und vielleicht Ihr Gitarrenspiel verbessern möchten, melden Sie sich gerne telefonisch bei mir, wir verabreden dann einen ersten Termin nach den Sommerferien, denn in den Ferien habe ich, aus besagten Gründen, leider keine Zeit dafür. 

Ein Jahr im Rückblick: Das Koblenz Guitar Festival

Ein besonderes Ereignis in jedem Jahr ist das internationale Gitarrenfestival in Koblenz 

(Koblenz Guitar Festival & Academy. Beachten Sie bitte den Link unten auf der Seite.)


Regelmäßig beginnt es in der Woche vor Pfingsten und endet am Pfingstmontag. Da die Veranstaltung außer den eigentlichen Feiertagen immer in der Schulzeit stattfindet, nahm ich in den letzten Jahren gar nicht oder nur am Pfingstwochenende daran teil. Dieses Jahr war alles anders:

Ich hatte die Fastnachtferien davor teilweise ausfallen lassen und meinen Schülern in dieser Zeit von Mittwoch bis einschließlich Samstag Unterricht angeboten, meinen Unterricht quasi vorgearbeitet. Dadurch konnte ich in diesem Jahr von Mittwoch bis einschließlich Pfingstmontag an dem Festival teilnehmen Das war eine beglückende, aber auch sehr anstrengende Zeit für mich. Anstrengend war es auch deswegen, weil die „Festivalsprache“, bedingt durch die internationale Ausrichtung, Englisch ist. Das gilt für alle Vorträge, Meisterklassen und viele persönliche Gespräche.

Eine echte Herausforderung.

Für mich als passivem Teilnehmer gab es die Möglichkeit, sämtliche Konzerte, Meisterklassen, Vorträge bzw. Seminare und alle Entscheidungsrunden des internationalen Wettbewerbes zu besuchen. Eine Mammutaufgabe, da bis zu drei Konzerte am Tag angeboten wurden und die anderen Veranstaltungen sich über den ganzen Tag verteilten.

Da die Aufnahmefähigkeit beschränkt ist und ich auch selbst, beflügelt durch das Umfeld, sehr viel geübt habe, konnte ich am Ende nur an sorgsam ausgewählten Angeboten teilnehmen.

Herausragende Ereignisse für mich waren das Konzert von Evangelina Mascardi (Barocklaute), ihr Vortrag über alte Musik am folgenden Tag sowie ein sich anschließendes persönliches Gespräch mit ihr. Da sie neben Englisch auch sehr gut Deutsch spricht, war dieses völlig problemlos möglich.

Bei einer anderen Gelegenheit, beim Warten in der Schlange vor einem Konzert in der Kapelle, bemerkte ich auf einmal Carsten Sick hinter mir, der kürzlich ein Buch über „Die Spanische Konzertgitarre“ veröffentlicht hat, welches ich mit Interesse gelesen und auch schon mehrfach verschenkt habe. Sick ist ein ehemaliger Schüler meines Kollegen Olaf Prätzlich hier aus dem Saarland. Eine wunderbare Zufallsbegegnung, bei der sich ein lebhaftes Gespräch entwickelte. Eine Buchbesprechung erfolgt von mir in Kürze.

Alle weiteren hervorragenden Konzerte und Erlebnisse hier zu schildern, würde den gesetzten Rahmen gnadenlos sprengen. Aber es gibt ein nächstes Mal, und alle, die die Konzertgitarre und ihre Musik in ihr Herz geschlossen haben, kommen bei diesem Festival auf ihre Kosten.

Es gehört zu den besten in der Welt und liegt für uns im Saarland vor der Haustür. Auch eine Tagesfahrt oder ein verlängertes Wochenende können zu einem Erlebnis werden.

 

Übrigens befindet sich das Festival gerade im Umbruch. Nachdem es bisher immer im Herzen von Koblenz, nämlich in der Rhein-Mosel-Halle, dem Kaisersaal im Schloss und der dortigen Musikschule stattgefunden hatte, also über die ganze Innenstadt verteilt war, ist es jetzt in die Landesmusikakademie Rheinland-Pfalz in das Schloss Engers umgezogen. Die Konzerte finden im Schloss, in der nahe gelegenen Kapelle vom Heinrich-Haus und in der etwas entfernteren Sayner Hütte statt.

Um nach Engers zu gelangen, fährt man mit dem Nahverkehrszug von Koblenz drei Stationen weiter und kann dann bequem zu Fuß das Schloss erreichen.

Die Lage des Schlosses ist herrlich. Auf der einen Seite grenzt es direkt an den Rhein, nur eine gemütliche Gartenwirtschaft liegt noch dazwischen, und auf der anderen Seite schließt sich der alte Ortskern von Engers an: mit altem Rathaus, hier war die Instrumentenausstellung untergebracht, einer alten Gastwirtschaft mit Außenbestuhlung und einem Eiscafé gegenüber. Was will man mehr?

Das Heinrich-Haus ist eine Wohnanlage für Senioren und Menschen mit Einschränkungen.

Alle treffen sich, gemischt mit den Festivalgästen, auf den Bänken vor dem Schloss. Herrlich!

Ich freue mich schon aufs nächste Jahr. Die Unterkunft ist bereits gebucht.

www.koblenzguitarfestival.de

www.evangelinamascardy.com

Zum Tode von Michael Koch

Was mich mit Michael Koch verbindet?

 

Nun, das ist eine etwas ausführlichere Geschichte:

Nein, ich bin kein langjähriger Weggefährte, eher das Gegenteil.

Ich bin auch kein Verwandter oder Freund der Familie oder guter Kollege, mit dem er schon lange in Kontakt stand.

Nein, ich bin ein Kollege, der im Kleinen wirkt, hier in Saarbrücken, der seinen Beruf mit „Herzblut“ ausübt und der glücklich ist, dass er diesen Weg gehen konnte.


Mit tiefer Betroffenheit las ich von seinem Tode in der Saarbrücker Zeitung.

Wenn ich mich recht erinnere, sah ich ihn zuletzt beim Antrittskonzert von Sebastian Montes, dem neuen Professor für Gitarre an der Hochschule für Musik Saar. Ich erkannte ihn, obwohl er sich in den vielen Jahren, in denen ich ihm nicht begegnet war, durchaus verändert hatte. Natürlich gealtert, aber zusätzlich, entweder durch eine Krankheit oder einen Unfall, beim Gehen eingeschränkt und auf Gehilfen angewiesen. Mein erster Impuls war, mich ihm als ehemaligen Schüler vorzustellen. Ein Schüler allerdings, den er nicht über Jahre betreute, sondern einer, mit dem er nur über zwei Wochen in seinem Leben beruflich Kontakt hatte.

Da ich zu dem Schluss kam, dass er kaum Erinnerungen daran haben würde und er auch mit anderen intensiv im Gespräch war, nahm ich von dieser Idee Abstand und freute mich still, dass er, offensichtlich geistig fit, an der Veranstaltung teilnahm und Interesse hatte.

 

In einer der besagten Wochen war ich bei einem der Gitarrenlehrgänge, die regelmäßig hier im Saarland in Rehlingen stattfanden. Ich war dort nur einer von vielen Teilnehmern. Übrigens zusammen mit dem anderen Professor, der heute an der hiesigen Musikhochschule tätig ist, Stefan Jenzer. Es müsste das Jahr 1984 gewesen sein. Ich war damals ein junger Erwachsener, Jenzer noch ein Kind von, ich glaube, ungefähr dreizehn Jahren. Hier hatte ich meinen ersten Kontakt zu Michael Koch und lernte auch Jiri Jirmal kennen, der später mein Lehrer an der Saarbrücker Musikhochschule werden sollte. Koch und Jirmal, zwei vollständig verschiedene Menschen, Künstler und Lehrer mit vollständig unterschiedlicher Auffassung vom Gitarrenspielen und Musizieren.


In der anderen Woche unserer Bekanntschaft hatte ich täglichen und intensiven Kontakt mit Michael Koch, denn ich besuchte ihn in seinem Wohnort in Mainz Drais und erhielt täglich eine Unterrichtsstunde in seinen Privathaus. Noch in Hamburg wohnend, hatte ich telefonisch bei ihm angefragt, ob ich ihm vorspielen dürfe und er mich unterrichten würde, um mich auf die Aufnahmeprüfung in der Saarbrücker Hochschule im Frühjahr 1985 vorzubereiten, wo er zu dieser Zeit eine Dozentenstelle innehatte.

Ich studierte schon am Hamburger Konservatorium in Blankenese bei Bernd Ahlert. Aber nach erfolglosen Aufnahmeprüfungen an verschiedenen Musikhochschulen erhoffte ich mir auch eine weitere kompetente Expertise, ob ich für diesen Weg im Leben überhaupt geeignet sei.

Diese erfolglosen Versuche erlebte ich z.B. bei Bernhard Hebb in Bremen, Albert Aigner in Lübeck und Maritta Kersting in Düsseldarf. Diese hatten doch erheblich an meinem Selbstbewusstsein genagt, aber mein Ehrgeiz und meine Bereitschaft zur intensiven Vorbereitung auf das Studium an einer Musikhochschule waren ungebrochen.

Wenn ich wirklich etwas will, und es gab für mich keine Alternative zu meinem Berufswunsch, Gitarrist und Gitarrenlehrer zu werden, bin ich zu äußersten Anstrengungen bereit und fähig.


Zu meiner Großen Freude ging Koch auf meinen Wunsch ein. Ich suchte mir eine Unterkunft in Mainz und fuhr jeden Tag nach Drais zum Unterricht.

Wenn ich mich recht erinnere, übte ich für meine bevorstehende Aufnahmeprüfung eine Fantasie von Luis Milan, die „Sonata Eroika“ von Mauro Giuliani und „Elogio de la Danza“ von Leo Brouwer.


Für meine norddeutschen Freunde sei an dieser Stelle übrigens ein wichtiger Hinweis erlaubt: Ich spreche die ganze Zeit von Michael Koch, ehemals Lehrbeauftragter an den Saarbrücker Musikhochschule und Dozent/Professor am Peter Cornelius Konservatorium und an der Hochschule für Musik in Mainz, der selbst Schüler von Heinz Teuchert in Frankfurt war. Nicht etwa von Hans Michael Koch, dem langjährigen Professor für Gitarre an der Hochschule in Hannover und übrigens Schüler von Karl Scheit in Wien, dem anderen Giganten in der Welt der Gitarre nach dem zweiten Weltkrieg. Ich habe schon erlebt, dass beide verwechselt wurden.


Michael Koch begegnete mir bei unseren Treffen in seiner Heimatstadt mit sehr viel Freundlichkeit und Menschlichkeit.

Die Gestaltung der Musik und die Gestaltung des einzelnen Tones standen bei ihm im Vordergrund. Ich erfuhr in der kurzen Zeit zum Beispiel viel Neues über die Behandlung und Pflege der Fingernägel. Noch heute forme ich die Nägel nach seinen Hinweisen und poliere sie am Ende mit Kieselerde, wie von ihm gelernt.

Wie aus dem beiliegenden Bild zu ersehen ist, es handelt sich um eine Originalzeichnung von Koch in meiner Ausgabe der „Sonata Eroika“, unterteilte er die möglichen Anschlagspunkte der rechten Hand wesentlich differenzierter als sonst üblich.

 

Kennen wir normalerweise den Anschlag im „dolce“, „loco“ und „metallico“, so unterschied er in neun verschiedene Anschlagsstellen. Jede mit einer anderen Qualität im Ton.

Tonbildung auf der Gitarre war eines seiner wichtigsten Themen.

Die prägendste Erfahrung in dieser Zeit war allerdings, dass er mir das Gefühl und die Hoffnung gab, die bevorstehende Aufnahmeprüfung zu bestehen und mein ersehntes Berufsziel erreichen zu können.

Bei der Aufnahmeprüfung in Saarbrücken im späten Frühjahr 1985 , ich kann mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen, saß ich Michael Koch, Jean Micault und Sigrun Richter, die zu dieser Zeit einen Lehrauftrag für das Fach Laute innehatte, gegenüber und es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Ich spielte um mein Leben.


Nach einer gefühlt endlosen Zeit, ich war längst wieder in Hamburg, bekam ich Post aus Saarbrücken von der Musikhochschule.

Die Spannung war unerträglich, die Freude nach dem Öffnen des Briefes unbeschreiblich.

Ich hatte die Aufnahmeprüfung bestanden. Eine riesige Last fiel von mir ab.


Ich bin Michael Koch bis heute unendlich dankbar.

Dankbar für seine Unterstützung, dankbar, dass er mir Mut gemacht hat, dankbar, dass er nach der Aufnahmeprüfung für mich gesprochen hat und dass er meine Möglichkeiten und Fähigkeiten erkannt hat.

Mein komplettes Leben, bis heute fußt auf seiner damaligen Hilfe und Einschätzung. Ohne ihn lebte ich heute nicht im Saarland, hätte hier meine Frau nicht kennengelernt und hätte meine beiden wunderbaren Kinder nicht.

Vielleicht wäre ich noch nicht einmal Musiker und Musiklehrer geworden, ein Beruf, der mich bis heute mit Glück und Freude erfüllt.


Sehr geehrter Herr Koch, Sie werden auch weiterhin stets in meinem Gedächtnis bleiben.

Vielen Dank!